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Freitag, 30. September 2005

DIE ZEIT GESCHICHTE Nr. 3/2005: Recycling einer Zeitung

zeitgeschichte_titel_kleinGestern erschien die dritte Ausgabe der Zeitschrift 'DIE ZEIT GESCHICHTE' mit dem Titel 'Triumph der Stadt - Bühnen der Vergangenheit, Labore für die Zukunft'. Auf dem Titelbild ist das Panorama mit Blick auf die Brühlschen Terassen zu sehen, denn Dresden gehört die Titelstory.
Noch gestern abend habe ich im Licht einer Straßenlaterne hinter Eckerle auf der Zeil die Artikel über Dresden gelesen und bin etwas enttäuscht. Insgesamt befassen sich vier Artikel mit unterschiedlichen Aspekten dieser Stadt. Hinzu kommen eine Umfrage über die Beweggründe von Spendern für den Wiederaufbau der Frauenkirche, ein doppelseitiger Querschnitt der Frauenkirche und eine kleine Entstehungsgeschichte des Elbsandsteingebirges.

Der erste Artikel, geschrieben von Manfred Sack, trägt den verheißungsvollen Titel 'Die Macht des Schicksals - Das heutige Dresden ist eine eindrucksvolle Symbiose seiner (Bau-)Geschichte', wird diesem aber überhaupt nicht gerecht. Wie auf dem Reißbrett findet eine Stadtbegehung über mehrere "Achsen" statt, die keinem Reiseführer je gefährlich werden könnte. Emotionslos werden die einzelnen Punkte aneinandergereiht, nie hat man ein Bild von Dresden vor Augen, immer nur schwarze Buchstaben auf weißem Papier.

Artikel Zwei ist von Klaus Günzel und mit 'Die steinerne Glocke - Zarte und wüste Geschichten aus der wundersamen Geschichte der Frauenkirche' überschrieben. Diemal wird der Titel dem Inhalt gerecht: Günzel schreibt spannend und humorvoll über die turbulente Geschichte der Frauenkirche. So zum Beispiel über eine folgenreiche Verwechslung: Der Baumeister der Frauenkirche, Herr Bähr, sollte seinem Willen gemäß im Jahre 1834 in der Frauenkirche die letzte Ruhe finden. Wiederum ein halbes Jahrhundert danach fand der Dresdner Ratsarchivar Otto Richter heraus, dass die sterblichen Überreste offenbar verwechselt worden waren und "irgendein armer Verunglückter" an Bährs Stelle in der Frauenkirche seiner Auferstehung harrte.Man hat ihn dabei, klugerweise, nicht gestört und das schöne barocke Grabmal unversehrt gelassen.

Erschütternd ist der dritte Artikel 'Als das Feuer zurückkam - Das dreifache Bombardement Dresdens war blanke Vernichtung' von Walter Nowojski. Der Autor rekonstruiert die schrecklichen Ereignisse vor und an dem 13. Februar 1945 anhand der Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer (1881 bis 1960), 'Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten'. Dieser hat 'minutiös bezeugt, wie der Alltag rassisch Verfolgter aussah und wie der gegen sie gerichtete Zynismus, wie alle Pein, alle Erniedrigung, alle Brutalität und Verschleppung unter den Augen der Dresdner Bevölkerung geschah.'
Am 13. Februar war Klemperer auf dem Weg zu den letzten jüdischen Dresdnern, um ihnen im Auftrag der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Deportationsbefehle zuzustellen. 'Klemperer, der allein durch die mutige Haltung seiner nichtjüdischen Ehefrau, die entschlossen zu ihm hielt, vor der Deportation bewahrt blieb, erlebte bei der Übergabe der Briefe erschütternde Szenen'. Die Deportation, welche am 16. Februar stattfinden sollte, hätte für die etwa 170 Menschen den sicheren Tod bedeutet.
Als um 22.13 Uhr das Inferno über Dresden hereinbrach, flüchtete sich Victor Klemperer mit seiner Frau in den Keller des "Judenhauses" in der Zeughausstraße, wo sie den Angriff unbeschadet überstanden. Wärend des zweiten Angriffes flüchteten die beiden in den gegenüberliegenden Judenkeller. Dort zerbarst plötzlich das Fenster neben Victor Klemperer: '[...], etwas schlug heftig und glutheiß an meine rechte Gesichtsseite. Ich griff hin, die Hand war voller Blut, ich tastete das Auge ab, es war noch da. Er kann Eva nicht mehr finden und flüchtet mit einer Gruppe Menschen nach draußen: 'Vor mir lag ein unkenntlicher großer freier Platz, mitten in ihm ein ungeheurer Trichter. Krachen, Taghelle, Einschläge. Ich dachte nicht, ich hatte nicht einmal Angst, es war bloß eine ungeheure Spannung in mir, ich glaube, ich erwartete das Ende.'
Diese und weitere Augenzeugenberichte, die Nowojski zitiert, vermitteln sehr direkt, wie schrecklich dieser Angriff war und sie beschämen uns, weil 'hierzulande noch immer jene Unbelehrbaren, die das Dresdner Inferno für nationalistische Zwecke missbrauchen' agieren.

Der letzte Artikel heißt 'Einkehr durch Abkehr - Doppelkubus statt Canaletto: Die neue Synagoge steht selbstbewusst im städtischen Raum' und ist von Hanno Rauterberg. Auf zwei Seiten beschreibt er die Neue Synagoge Dresden aus architektonischer Sicht im Kontext mit dem Dresdner Stadtbild. Für die Umschreibung der genialen Architektur ist der etwas pretitiöse Feuilleton-Stil seiner Sprache vielleicht nicht ganz geeignet. Möglicherweise ist das der Grund, warum ich den Artikel nicht wirklich gut finde. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich dem Kenner der Synagoge nach dem Lesen kaum neue Erkenntnisse auftun. Was nicht im Artikel steht: Die URL synagoge-dresden.de wurde bis vor gar nicht so langer Zeit von einem skrupellosen Geschäftemacher für den Verkauf von Versicherungen missbraucht. Mittlerweile gehört sie aber dem Zentralrat der Juden in Deutschland.

Was hat das Heft sonst noch zu bieten? Eine überaus gelungene Polemik von Michael Naumann zum Hauptstadt-Mythos von Berlin und einen interessanten geschichtlichen Abriss über die Quadratestadt Mannheim, nahe der ich aufwachsen durfte, geschrieben von der Historikerin Grit Arnscheidt. Helmut Schmidt schreibt über Hamburg, allerdings motiviert sein Schreibstil nicht gerade zum Weiterlesen.Bonn, Potsdam und Wolfsburg werden noch portraitiert - die Artikel habe ich allerdings noch nicht gelesen.

Und dann ist da noch eine Chronik, eine etwas dürftige Bibliographie und ein Glossar. Zitat: 'Stadtmarketing - Hoffnung der Stadtväter, durch Werbung ihre Stadt (wieder) attraktiv zu machen, vorzugsweise für Arbeitsplatzinvestitionen. Nur: Corporate Identity und Stadt passen nicht zusammen; Stadt bedeutet Offenheit und Veränderung und ist kein Markenartikel.' Naja. Der Begriff 'Marketing' leitet sich allerdings auch von 'Market' ab und nicht von der 'Marke'. Peinlichkeiten wie dieses Glossar hätte sich der Zeitverlag gut sparen können.

Fazit: Ich hatte mir etwas mehr von einem Heft erwartet, das im Vorwort postuliert: 'Stadt war immer etwas Fürchterliches. Laut und dreckig, verrucht und lasterhaft, die Hure Babylon.' Dagegen ist die aktuelle Ausgabe von 'DIE ZEIT GESCHICHTE' vor allem eins: harmlos. Ein Dutzend schon in der ZEIT erschienener Artikel können in einer Neuzusammenstellung ein informatives Dossier ergeben. Eine Zeitschrift, welche den Anspruch hat, Urbanität zu erschließen, wir daraus allerdings nicht.

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